Kategorie: Rechtliches

Sozialgesetzbuch und Pflegealltag – ein Spagat voller Lügen

Im § 15 des 11. Sozialgesetzbuches werden die Pflegestufen und die damit einhergehenden Zeitaufwendungen geregelt.

Demnach wären für

  • Pflegestufe 1 – mindestens 90 Minuten
  • Pflegestufe 2 – mindestens 3 Stunden
  • Pflegestufe 3 – mindestens 5 Stunden

an zeitlichem Pflegeaufwand erforderlich. Diese Zeiten sind jeweils als Tagesdurchschnitt zu sehen.

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Eine Pflegezeit, auf die der Pflegebedürftige also einen Anspruch hätte. Die Realität in den deutschen Pflegeeinrichtungen sieht allerdings anders aus. Nicht zuletzt aus Personalmangel heraus ist es den Pflegekräften gar nicht möglich die o.g. Pflegezeiten dem einzelnen Bewohner zur Verfügung zu stellen.

Aus dieser Perspektive betrachtet gaukelt der § 15 des XI. Sozialgesetzbuches jedem Pflegebedürftigen eine Pflegesituation vor, die es in der realen Welt fernab von trockenen Gesetzestexten gar nicht gibt. Mit anderen Worten, die Bundesrepublik Deutschland spielt mit gezinkten Karten und spiegelt eine Pflegesituation wieder, die es so gar nicht gibt bzw. geben kann.

Blauäugige Politiker schaffen menschenunwürdige Gesetze

An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, ob unsere hochdotierten Schaffenskräfte solcher Pflegegesetze jemals schon im Inneren eines Pflegeheimes gewesen sind bzw. sich mit der dort herrschenden Realität wirklich auseinandergesetzt haben? Das Gegenteil ist mehr als nur anzunehmen!

Nur einmal angenommen, dass auf einer Pflegestation 30 Bewohner leben und 40% von denen der Pflegestufe 2 zugeordnet wären, dann würde dies bedeuten dass bei allein bei 12 Bewohnern insgesamt 36 Stunden Pflegetätigkeit pro Tag geleistet werden müsste. Hierzu kämen dann noch die 18 anderen Bewohner, deren Pflegestufen hier nicht mit einbezogen sind.

Die Rechnung in der Pflege geht nicht auf

In nicht gerade wenigen Einrichtungen sieht die vorhandene Personaldecke so aus, dass zwei Pflegekräfte für 30 und auch mehr Bewohner zuständig sind. Für das Zahlenspiel von eben muss man weder studiert noch promoviert haben um zu erkennen – eine Pflege wie sie die Pflegegesetze vorsehen ist so definitiv nicht zu leisten!

Dass der dadurch entstehende Stress sich negativ dem Pflegebedürftigen gegenüber auswirkt muss ich sicher nicht extra erläutert werden. Die Schuld an speziell dieser Tatsache ist nicht dem Pflegepersonal zuzurechnen, diese liegt zu großen Teilen bei den Damen und Herren der Bundesregierung aber auch mit bei den gewinnoptimierungssüchtigen Heimleitungen der entsprechenden Trägerschaften.

Nichts desto trotz – die Leidtragenden sind und bleiben die Pflegebedürftigen. Auf deren Rücken werden ganzen Tarifrunden ausgetragen – sei uns um die Löhne oder die Pflegesätze spielt hier gar keine Rolle mehr. Nahezu wehrlos sind diese Menschen einem System mit dem Drang nach Macht und Geld ausgeliefert, ein System das ein Land geschaffen hat an dessen Aufbau genau diese Personengruppe der heute Pflegebedürftigen alles andere als unmaßgeblich beteiligt gewesen ist.

Undank ist der Welten Lohn – nirgends passt dieser Spruch besser als hier.

Nichts gegen Hilfsprojekte unterschiedlicher Art und Weise in aller Herren Länder. Wir sollten aber nicht nur den Weitblick über den bundesdeutschen Tellerrand hinaus wagen wenn es um Hilfe und Unterstützung geht. Bei aller Hilfe für andere Länder sollten wir unsere eigenen Bürger und Bürgerinnen nicht ganz vergessen, die sich ihre Hilfsbedürftigkeit auch nicht freiwillig ausgesucht haben.

Pflegenoten

Pflegeheime wie auch Pflegedienste werden hierzulande mit einer Systematik benotet die dem Schulnotensystem sehr ähnlich ist. Ähnlich deswegen, da die Noten nur von 1,0 bis 5,0 reichen. Pflegenoten die über einem „mangelhaft“ liegen gibt es nicht. Alleine schon an dieser Stelle darf die Frage nach dem Warum gestellt werden.

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Was fließt in die Pflegenoten mit ein?

Um zu einer Gesamtnote in der stationären Pflege zu gelangen werden derzeit etwas über 60 Einzelkriterien zusammengefasst. Hierzu gehören die Pflege im allgemeinen sowie auch die medizinische Versorgung der Pflegebedürftigen. Weiterhin werden die Punkte Hygiene, Wohnsituation, hauswirtschaftliche Versorgung sowie die soziale Betreuung auf deren Qualität hin begutachtet.

Bewohner die an Demenz leiden und eine besondere Versorgung benötigen werden in einem eigenen Bewertungsblock betrachtet.

Als ein absolutes Unding ist es anzusehen, dass die Befragung der Bewohner selbst zwar stattfindet allerdings nicht in die Gesamtnote mit einfließt. 

Das Ergebnis dieser Befragung wird nur separat ausgewiesen. Somit steht einem exakten und aussagekräftigen Gesamtergebnis ein ganz wichtiger Punkt nicht zur Verfügung – die Zufriedenheit derer die sich mit der gebotenen Pflegequalität „zufrieden“ geben müssen.

Ein solches Bewertungssystem ist für mich nicht ernst zu nehmen da nicht vollständig. Das wäre als würde die mündliche Prüfung in Schulen zwar durchgeführt jedoch nicht zur Gesamtnote mit hinzugerechnet. Befürchten die „Macher der Pflegenoten“ etwa eine rapide Verschlechterung der Pflegenoten wenn die Beurteilung der Pflegebedürftigen mit zur Beurteilung verwendet werden?

Die Realität in der Pflege spricht eine andere Sprache

Ich spreche nicht davon, dass die Pflegenoten abgeschafft werden müssen, sie sind ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung einer Pflegeeinrichtung solange sie richtig angewandt werden. In der derzeit angewandten Form kommt hier allerdings ein sehr unvollständiges Bild zustande mit dem sich dann selbst die schwarzen Schafe der Branche noch rühmen anstatt ausgesondert zu werden.

Ein Ruhm der ganz eindeutig zu Lasten der Menschenwürde in der Betreuung geht. Der GKV-Spitzenverband wie auch die zuständige Aufsichtsbehörde in Form des Gesundheitsministeriums sollten sich hierzu einmal ernsthaft die Frage stellen ob es Sinn macht Noten für Pflegeeinrichtungen zu vergeben denen es doch entscheidend an Aussagekraft fehlt.

Sowohl stationäre Einrichtungen wie auch ambulante Pflegedienste bei denen Pflegenoten schlechter als eine Fünf verhängt werden müssten gibt es durchaus wie uns entsprechende Zeitungsberichte in fast regelmäßigen Abständen zeigen.

Gegen eine nichtssagende Bewertung von Pflegeheimen

Unterschriften gegen PflegenotenFür Pflegenoten wie sie aktuell vergeben werden ist kein Platz in unserer Gesellschaft, sie schaden mehr als dass sie uns nützen würden da der Mittelpunkt des Ganzen – der Mensch – völlig unberücksichtigt bleibt. Unterschreiben Sie deswegen das Moratorium Pflegenoten von Franz Stoffer und Thomas Klie und stimmen Sie dabei für ein „Ja“ zur Abschaffung.

Wir sind es unseren alten, kranken und hilfsbedürftigen Mitmenschen schuldig hier und heute tätig zu werden. Schon morgen können auch wir uns in dieser Situation befinden in ein Pflegeheim zu müssen, ein Aufschub ist deswegen sinnlos vergeudete Zeit die wir ggf. nicht haben.